„Wikileaks und die Unbeherrschbarkeit der Daten“ – Zu einem Vortrag von Michael Seemann

„Ein Großteil meines Lebens spielt sich im Internet ab. Und ich verliere täglich die Kontrolle darüber.“ Das sagt Michael Seemann. Richtig schlimm scheint er es aber nicht zu finden. Im Rahmen einer vom Institut für Medienwissenschaft der Universität Tübingen organisierten Veranstaltung unter dem Titel „Wikileaks und die Unbeherrschbarkeit der Daten“, war der Blogger vor Ort, um über seine Sichtweisen und Theorien zum aktuellen und zukünftigen Kontrollverlust über die Daten im Internet zu sprechen.

Zur Person: Michael Seemann hat in Lüneburg Angewandte Kulturwissenschaft studiert und arbeitet derzeit an seiner Doktorarbeit. Außerdem ist er beteiligt an Internetprojekten, wie twitkrit.de, Twitterlasung, wir.muessenreden.de. Auf seinem Blog CTRL-Verlust berichtet er über die Kontrolle beziehungsweise die Unmöglichkeit der Kontrolle der Daten, die wir alle im Internet hinterlassen.

Was ist Kontrollverlust?

Seemann spricht von Kontrollverlust im Internet. Was aber meint er damit? Seiner Theorie nach entsteht Kontrollverlust, wenn die Komplexität der Interkationen von Informationen die Vorstellungskraft der Individuen überschreitet. Und genau dies sei derzeit und zunehmend der Fall. Die Menschen beschäftigen sich immer mehr mit dem Internet und verbringen immer mehr Zeit online. Alles was sie dort tun oder nicht tun wird gespeichert. Kaum einer weiß so genau wo und wie, größtenteils wissen die Menschen nicht einmal, dass dies passiert. Aber es passiert. Und eben diese irgendwie und irgendwo gespeicherten Daten können in ihrer Kombination zu Informationen werden. Für wen diese von Interesse sein können, scheint heute noch nicht ganz eindeutig zu sein, aber genau das ist es, was Seemann unter dem Kontrollverlust versteht. Und dass der gewöhnliche Internetnutzer das heute noch nicht begreift, ist Teil seiner Theorie.

Voraussetzungen für den Kontrollverlust

Drei Voraussetzungen sind laut Seemann maßgeblich beteiligt an diesem Phänomen des Kontrollverlusts. Erste Voraussetzung ist die Allgegenwart von Aufschreibe-Systemen. Nahezu jeder besitzt mittlerweile ein Foto- oder Video-Handy, ein Smartphone mit Internetzugang oder eine GPS-App. Damit werden Ereignisse, Orte und Sonstiges mehr oder weniger dokumentierwürdiges dokumentiert und abgespeichert. Einstige Kontrollinstrumente werden damit zunehmend zu Kontrollverlustinstrumenten.

Zweite Voraussetzung ist, dass das Internet eine riesige Kopiermaschine ist. Alles was wir im Netz tun, ist letztendlich ein Kopiervorgang: Mails versenden, Webseiten aufrufen, Musik im Netz anhören oder Bilder im Netz anschauen. So werden Daten von hier nach da und zurück kopiert, ohne dass es einem so richtig bewusst ist.

Und dritte Voraussetzung ist, dass Daten für Verknüpfungen offen sind. Jede Aktion im Internet wird mit anderen Daten verknüpft und ergibt in der jeweiligen Kombination, und bisher nur für spezielle Techniken lesbar, komplett neue Sinnzusammenhänge und liefert dementsprechend ungeahnte Erkenntnisse über die jeweils agierenden Personen und ihre Handlungen. Die Datenmenge und die Anzahl der Datenverknüpfungen nehmen stetig zu. Dies ist unter anderem damit zu erklären, dass der Preis von Speicherplatz in den letzten Jahren dramatisch gesunken ist. So kostete 1981 ein Gigabyte Speicherplatz noch $ 300 000, im Jahr 2010 bereits nur noch $ 0,10.

Kurz: Niemand weiß heute so genau, was morgen Daten sein werden und in welchem Zusammenhang sie einem irgendwo und irgendwie einmal wieder begegnen werden. Wir Internetnutzer von heute setzen demnach eine Sache in Gang, wissen aber nicht, wie sie wieder zu stoppen ist. Einen Weg, der daran vorbeiführt, sieht Seemann derzeit nicht: „Ist man Teil der Welt, wird man Teil des Internets sein.“

„Query“!?

Seemann beschreibt drei Formen von Öffentlichkeit. Zum einen den alt bekannten öffentlichen Raum, dann die massenmediale Öffentlichkeit und schließlich die sogenannte „Query-Öffentlichkeit“. „Query“ bedeutet übersetzt „Abfrage“ und steht im Zusammenhang mit SQL Structured Query Language, einer Computer-Sprache, die Anfragen benutzt, um sie in Datensätze und Informationssysteme zu übersetzen. Einen Bezug zu Wikileaks schafft er in sofern, als dass er dies als den Kumulationspunkt des Kontrollverlusts betrachtet. Julian Assange feiert er als „Erfinder der relationalen Datenbank“

„Google, twitter, Facebook und all die anderen weisen den Weg in die queryologische Zukunft.“ Seemann benutzt überaus häufig und wie selbstverständlich die Begriffe „query“ und „queryology“. Eine eindeutige Erklärung für Laien, was er damit genau meint, liefert er jedoch nicht.

Die Essenz seiner Botschaft scheint jedenfalls Folgende zu sein: „Information ist nicht zurückholbar.“ Was also einmal im Netz steht, das wird im ewigen, beziehungsweise im unberechen- und uneinschätzbaren Gedächtnis von Google gespeichert.

Seemann findet den derzeitigen Prozess der Medienentwicklung und das, was noch kommen mag spannend und sieht darin Chancen. Er ist sich sicher: „Es wird noch einiges dazu kommen, das noch viel toller ist!“ Er erzählt von einer „Google googles“ als einer Bilderkennungs-Anwendung im Netz, einer Software namens Gaydar, anhand derer man an einem Facebook-Profil mit einer Treffsicherheit von 96% feststellen kann, ob die jeweilige Person homosexuell ist, oder nicht, der Reduktion der eigenen Person auf eine Datenmenge und ähnlichen nahen oder fernen zukünftigen technischen Entwicklungen.

Was aber seiner Meinung nach unter die Räder kommen wird, ist die Privatsphäre, so wie wir sie heute noch kennen. Ihn selbst stört das aber nicht besonders. „Ich führe heute ein reicheres Leben“. Für ihn bedeuten Facebook und Co. keine Entwertung des Freundschaftsbegriffs sondern eine Bereicherung für das „normale“ soziale Leben.

Was Seemann also im Grunde macht, ist sozusagen eine Art von Ankündigung von einem Prozess, der sich für die einen mehr, für die anderen weniger bemerkbar in die Welt schleicht, und im Grunde unabwendbar scheint. „Wir werden uns alle daran gewöhnen!“, meint Seemann optimistisch. Was Seemann offensichtlich tut, ist, uns vom Beginn des gesamtgesellschaftlichen Wandels zu prophezeien und das, was so manchem als die neue Unfreiheit erscheint, als Freiheit anzupreisen. Weniger vernetzen Menschen mag das befremdlich erschienen. Aber seinen Prognosen zufolge wird uns wohl kaum etwas anderes übrig bleiben, als abzuwarten, zu staunen und uns daran zu gewöhnen.

Eine Antwort to “„Wikileaks und die Unbeherrschbarkeit der Daten“ – Zu einem Vortrag von Michael Seemann”

  1. mspro Says:

    Danke für die Zusammenfassung. Neben ein paar anderen Ungenauigkeiten ein wesentliche paar Richtigstellungen:

    Nein, ich feiere nicht Julien Assage als den Erfinder der relationalen Datenbank. Das mache ich mit Ted Codd. Weil der das auch war.

    Google Goggles erkennt Gegenstände, sonst nichts. Das Programm, das mit 86% (!) Wahrscheinlichkeit Homosexualität in Facebokprofilen erkennt heißt: Gaydar.

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