Der Widerstand gegen S21 im Netz

Was noch bis vor Kurzem nur über Flugzettel und Protestschilder lief hat einen weiteren Kanal hinzugewonnen. Die Demonstrationen im Zuge des Widerstands gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 sorgen nun schon seit einiger Zeit für Aufsehen, auch weit über die Grenzen Stuttgarts hinaus. Die sozialen Medien haben bei der Mobilisierung und Vernetzung des Widerstandes eine neue Bedeutung gewonnen.

Auch auf der diesjährigen Republika war der Widerstand gegen Stuttgart 21 Thema. Vier Aktivisten sprachen dabei über das Projekt, soziale Medien und Demokratie. Das Gespräch wurde moderiert von Alvar Freude, der sich selbst als „neutralen Beobachter“ beschreibt. Er ist einer der Gründer des Arbeitskreises gegen Internet-Sperren und Zensur (AK Zensur) und Mitglied der Enquête-Kommission Internet und digitale Gesellschaft des Deutschen Bundestages.

Im Gespräch waren Max Kirste. Er ist seit Anfang 2010 aktiv im Widerstand gegen Stuttgart 21 tätig, trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „I survived Stuttgart 21“ und bloggt auf todomax.de.

Neben ihm dabei war Thorsten Puttenat, er ist Mitbegründer von fluegel.tv und macht dort Internet-TV von Bürgern für Bürger. Flügel TV gibt es seit Ende Juli und dort wurden sämtliche Ereignisse und Veranstaltungen zum Thema live übertragen.

Außerdem Holger Reuß. Er bloggt auf fakeblog.de, ist parteiloser Politik-Interessierter und selbsternannter „Online-Medienschaffender in Vollzeit“. Seit 2007 beschäftigt er sich mit dem Thema rund um S21 und war unter anderem beim Abriss des Nordflügels aktiv dabei.

Und Andreas Bühler, Blogger und Mitbegründer der Facebook-Gruppe „KEIN Stuttgart 21“, die mittlerweile mehr als 100.000 Mitglieder zählt. Er engagiert sich gegen Stuttgart 21 seit einer Unterschriftensammlung für einen Bürgerentscheid 2007. Damit markiert er, wie viele andere, die Verbindung von Offline- und Online-Widerstand.

Was viele nicht wissen: Der Widerstand gegen das Projekt Stuttgart 21 ist schon relativ alt. Seit Mitte der 90er Jahre existiert er, war zunächst aber für kaum einen präsent. Mit dem Startschuss zum Umbau im November 2009 ging der Widerstand dann richtig los und wurde auch von den Medien thematisiert. Durch den 30.09., der für seinen Polizeiaufmarsch mit Wasserwerfern bekannt ist, wurde das Thema Stuttgart 21 schließlich über die Grenzen Stuttgarts hinausgetragen.

Das Besondere an dem Protest gegen Stuttgart 21 ist, dass die neuen Medien, insbesondere die sozialen Netzwerke und Blogs dabei von entscheidender Bedeutung waren und weiterhin sind. So ist der gesamte Stuttgart 21 Protest wahrscheinlich einer der bisher bestdokumenteierten Proteste. „Jeder hat sein Videohandy und hält drauf. Das bringt der Zeitgeist mit sich“, erklärt Thorsten Puttenat. Einmal im Netz angekommen, verbreitet sich so ein Film dann rasend schnell. Die sozialen Medien leisten da etwas, was die üblichen Medienorgane nicht können. Die Öffentlichkeit mobilisieren und demokratisieren. Die sozialen Medien schaffen eine Gegenöffentlichkeit. So kann für einen fairen und unverfälschten Informationsfluss gesorgt und das Vertrauen des Bürgers gewonnen werden. Eine wichtige Basis.

Mehrere wichtige Plattformen haben bei den Protesten gegen Stuttgart 21 eine wichtige Rolle gespielt. Unter anderem Folgende:

Parkschützer

Die Webseite parkschuetzer.de wird von „Leben in Stuttgart e.V.“ betrieben und von einem Redaktionsteam betreut. Auf den Montagsdemos, die zunächst mit 100- 200 Demonstranten stattfanden, wurde für parkschuetzer.de geworben. Bei der Seite handelt es sich um eine Art virtuelle Unterschriften-Liste, die Abstufungen zulässt. Stufe 1 bedeutet, dass man allgemein gegen das Projekt ist. Stufe 2 meint, dass man sich dazu bereit erklärt, in den Schlossgarten zu kommen und bei einer Demo mitzumachen, wenn 10.000 Leute zusammenkommen. Wer sich für Stufe 3 einträgt, möchte informiert werden, wenn die Baumaschinen anrücken, um dann in den Park zu gehen und mit allen legalen Mitteln dagegen zu demonstrieren. Und diejenigen, die die Stufe 4 angeben, erklären sich dazu bereit, sich auch an Bäume zu ketten und den Baumaschinen in den Weg zu stehen. Mithilfe eines Alarmsystems konnte man sich auf seinem Handy informieren lassen, sobald Unterstützung gebraucht wurde. Innerhalb kürzester Zeit wurde die Website immer größer. Zunehmend wurde die Seite zur Diskussionsplattform für Interessierte.

Bei Abriss Aufstand

Ein Blog zum Thema trägt den Titel bei-abriss-aufstand.de. Dieser sollte zunächst als Präsentationsplattform für die Mahnwache dienen, entwickelte sich dann aber zu einer Informationsplattform und wurde durch die Kommentarfunktion zunehmend zur Diskussionsplattform. Nach dem 30. September musste diese jedoch eingeschränkt werden, da sie unter dem großen Andrang zusammenbrach und für die Gründer unkontrollierbar wurde. Mittlerweile sind nur noch moderierte Kommentare erlaubt.

Facebook-Gruppe „Kein Stuttgart 21“

Die Facebook-Gruppe „KEIN Stuttgart 21“ sollte zunächst eine Art Terminkalender für Demos und Veranstaltungen sein und hatte zunächst eine Anhängerschaft von 100-200 Leuten. Mittlerweile liegt die Zahl bei über 100.000 Mitgliedern und wächst weiterhin an.

Fluegel.tv

Der Internetsender fluegel.tv soll für mehr direkte Demokratie und Transparenz sorgen und die Gesellschaft 2.0 unterstützen.

An der Schlichtung war zu spüren, dass die Bürger, nicht zuletzt dank der neuen Medien, durchaus mitreden können, wenn sie wollen. Fluegel.tv sollte, neben dem SWR und Phoenix, die Schlichtung mit Heiner Geissler live übertragen. Wenn es auch nicht unbedingt nötig war, so doch zumindest als symbolischen Akt. Spontan wurde den Initiatoren von Fluegel.tv dann jedoch mitgeteilt, dass sie nun doch nicht dabei sein sollten, was sich sofort auf der Webseite der Parkschützer herumsprach und es innerhalb von wenigen Stunden auf 560 empörte Kommentare brachte. Dies hatte zur Folge, dass fluegel.tv am nächsten Tag wie selbstverständlich zur Live-Übertragung zugelassen wurde.

Cam S21 ist eine Webseite, auf der die Beteiligten mit dem Handy gefilmte Szenen online stellen können und diese im Netz live mit angeschaut werden können.

Verschiedenste Leute beteiligten sich an den Protesten. Alte und Junge, Offliner und Onliner. „Hier steht eine Stadt auf. Es gibt auch Befürworter. Onliner und Offliner, alles kommt zusammen und eine Bürgerbewegung entsteht“, schwärmt Thorsten Puttenat. Jeder kann etwas bewegen. Auf der Basis von Vertrauen, Beziehung und Transparenz kann sich eine lebendige, aktive Bürgergesellschaft 2.0 entwickeln.

Dass die Gegenöffentlichkeit die normalen Medien nicht ersetzen kann, darin sind sich alle einig. Das Demokratielabor Stuttgart könnte den Weg ebnen von einer Protestbewegung zu einer Gestaltungsbewegung. Für eine Gesellschaft, in der die Bürger nicht dagegen, sondern dafür sind.

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