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„Wikileaks und die Unbeherrschbarkeit der Daten“ – Zu einem Vortrag von Michael Seemann

Juli 25, 2011

„Ein Großteil meines Lebens spielt sich im Internet ab. Und ich verliere täglich die Kontrolle darüber.“ Das sagt Michael Seemann. Richtig schlimm scheint er es aber nicht zu finden. Im Rahmen einer vom Institut für Medienwissenschaft der Universität Tübingen organisierten Veranstaltung unter dem Titel „Wikileaks und die Unbeherrschbarkeit der Daten“, war der Blogger vor Ort, um über seine Sichtweisen und Theorien zum aktuellen und zukünftigen Kontrollverlust über die Daten im Internet zu sprechen.

Zur Person: Michael Seemann hat in Lüneburg Angewandte Kulturwissenschaft studiert und arbeitet derzeit an seiner Doktorarbeit. Außerdem ist er beteiligt an Internetprojekten, wie twitkrit.de, Twitterlasung, wir.muessenreden.de. Auf seinem Blog CTRL-Verlust berichtet er über die Kontrolle beziehungsweise die Unmöglichkeit der Kontrolle der Daten, die wir alle im Internet hinterlassen.

Was ist Kontrollverlust?

Seemann spricht von Kontrollverlust im Internet. Was aber meint er damit? Seiner Theorie nach entsteht Kontrollverlust, wenn die Komplexität der Interkationen von Informationen die Vorstellungskraft der Individuen überschreitet. Und genau dies sei derzeit und zunehmend der Fall. Die Menschen beschäftigen sich immer mehr mit dem Internet und verbringen immer mehr Zeit online. Alles was sie dort tun oder nicht tun wird gespeichert. Kaum einer weiß so genau wo und wie, größtenteils wissen die Menschen nicht einmal, dass dies passiert. Aber es passiert. Und eben diese irgendwie und irgendwo gespeicherten Daten können in ihrer Kombination zu Informationen werden. Für wen diese von Interesse sein können, scheint heute noch nicht ganz eindeutig zu sein, aber genau das ist es, was Seemann unter dem Kontrollverlust versteht. Und dass der gewöhnliche Internetnutzer das heute noch nicht begreift, ist Teil seiner Theorie.

Voraussetzungen für den Kontrollverlust

Drei Voraussetzungen sind laut Seemann maßgeblich beteiligt an diesem Phänomen des Kontrollverlusts. Erste Voraussetzung ist die Allgegenwart von Aufschreibe-Systemen. Nahezu jeder besitzt mittlerweile ein Foto- oder Video-Handy, ein Smartphone mit Internetzugang oder eine GPS-App. Damit werden Ereignisse, Orte und Sonstiges mehr oder weniger dokumentierwürdiges dokumentiert und abgespeichert. Einstige Kontrollinstrumente werden damit zunehmend zu Kontrollverlustinstrumenten.

Zweite Voraussetzung ist, dass das Internet eine riesige Kopiermaschine ist. Alles was wir im Netz tun, ist letztendlich ein Kopiervorgang: Mails versenden, Webseiten aufrufen, Musik im Netz anhören oder Bilder im Netz anschauen. So werden Daten von hier nach da und zurück kopiert, ohne dass es einem so richtig bewusst ist.

Und dritte Voraussetzung ist, dass Daten für Verknüpfungen offen sind. Jede Aktion im Internet wird mit anderen Daten verknüpft und ergibt in der jeweiligen Kombination, und bisher nur für spezielle Techniken lesbar, komplett neue Sinnzusammenhänge und liefert dementsprechend ungeahnte Erkenntnisse über die jeweils agierenden Personen und ihre Handlungen. Die Datenmenge und die Anzahl der Datenverknüpfungen nehmen stetig zu. Dies ist unter anderem damit zu erklären, dass der Preis von Speicherplatz in den letzten Jahren dramatisch gesunken ist. So kostete 1981 ein Gigabyte Speicherplatz noch $ 300 000, im Jahr 2010 bereits nur noch $ 0,10.

Kurz: Niemand weiß heute so genau, was morgen Daten sein werden und in welchem Zusammenhang sie einem irgendwo und irgendwie einmal wieder begegnen werden. Wir Internetnutzer von heute setzen demnach eine Sache in Gang, wissen aber nicht, wie sie wieder zu stoppen ist. Einen Weg, der daran vorbeiführt, sieht Seemann derzeit nicht: „Ist man Teil der Welt, wird man Teil des Internets sein.“

„Query“!?

Seemann beschreibt drei Formen von Öffentlichkeit. Zum einen den alt bekannten öffentlichen Raum, dann die massenmediale Öffentlichkeit und schließlich die sogenannte „Query-Öffentlichkeit“. „Query“ bedeutet übersetzt „Abfrage“ und steht im Zusammenhang mit SQL Structured Query Language, einer Computer-Sprache, die Anfragen benutzt, um sie in Datensätze und Informationssysteme zu übersetzen. Einen Bezug zu Wikileaks schafft er in sofern, als dass er dies als den Kumulationspunkt des Kontrollverlusts betrachtet. Julian Assange feiert er als „Erfinder der relationalen Datenbank“

„Google, twitter, Facebook und all die anderen weisen den Weg in die queryologische Zukunft.“ Seemann benutzt überaus häufig und wie selbstverständlich die Begriffe „query“ und „queryology“. Eine eindeutige Erklärung für Laien, was er damit genau meint, liefert er jedoch nicht.

Die Essenz seiner Botschaft scheint jedenfalls Folgende zu sein: „Information ist nicht zurückholbar.“ Was also einmal im Netz steht, das wird im ewigen, beziehungsweise im unberechen- und uneinschätzbaren Gedächtnis von Google gespeichert.

Seemann findet den derzeitigen Prozess der Medienentwicklung und das, was noch kommen mag spannend und sieht darin Chancen. Er ist sich sicher: „Es wird noch einiges dazu kommen, das noch viel toller ist!“ Er erzählt von einer „Google googles“ als einer Bilderkennungs-Anwendung im Netz, einer Software namens Gaydar, anhand derer man an einem Facebook-Profil mit einer Treffsicherheit von 96% feststellen kann, ob die jeweilige Person homosexuell ist, oder nicht, der Reduktion der eigenen Person auf eine Datenmenge und ähnlichen nahen oder fernen zukünftigen technischen Entwicklungen.

Was aber seiner Meinung nach unter die Räder kommen wird, ist die Privatsphäre, so wie wir sie heute noch kennen. Ihn selbst stört das aber nicht besonders. „Ich führe heute ein reicheres Leben“. Für ihn bedeuten Facebook und Co. keine Entwertung des Freundschaftsbegriffs sondern eine Bereicherung für das „normale“ soziale Leben.

Was Seemann also im Grunde macht, ist sozusagen eine Art von Ankündigung von einem Prozess, der sich für die einen mehr, für die anderen weniger bemerkbar in die Welt schleicht, und im Grunde unabwendbar scheint. „Wir werden uns alle daran gewöhnen!“, meint Seemann optimistisch. Was Seemann offensichtlich tut, ist, uns vom Beginn des gesamtgesellschaftlichen Wandels zu prophezeien und das, was so manchem als die neue Unfreiheit erscheint, als Freiheit anzupreisen. Weniger vernetzen Menschen mag das befremdlich erschienen. Aber seinen Prognosen zufolge wird uns wohl kaum etwas anderes übrig bleiben, als abzuwarten, zu staunen und uns daran zu gewöhnen.

Der Widerstand gegen S21 im Netz

Juli 11, 2011

Was noch bis vor Kurzem nur über Flugzettel und Protestschilder lief hat einen weiteren Kanal hinzugewonnen. Die Demonstrationen im Zuge des Widerstands gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 sorgen nun schon seit einiger Zeit für Aufsehen, auch weit über die Grenzen Stuttgarts hinaus. Die sozialen Medien haben bei der Mobilisierung und Vernetzung des Widerstandes eine neue Bedeutung gewonnen.

Auch auf der diesjährigen Republika war der Widerstand gegen Stuttgart 21 Thema. Vier Aktivisten sprachen dabei über das Projekt, soziale Medien und Demokratie. Das Gespräch wurde moderiert von Alvar Freude, der sich selbst als „neutralen Beobachter“ beschreibt. Er ist einer der Gründer des Arbeitskreises gegen Internet-Sperren und Zensur (AK Zensur) und Mitglied der Enquête-Kommission Internet und digitale Gesellschaft des Deutschen Bundestages.

Im Gespräch waren Max Kirste. Er ist seit Anfang 2010 aktiv im Widerstand gegen Stuttgart 21 tätig, trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „I survived Stuttgart 21“ und bloggt auf todomax.de.

Neben ihm dabei war Thorsten Puttenat, er ist Mitbegründer von fluegel.tv und macht dort Internet-TV von Bürgern für Bürger. Flügel TV gibt es seit Ende Juli und dort wurden sämtliche Ereignisse und Veranstaltungen zum Thema live übertragen.

Außerdem Holger Reuß. Er bloggt auf fakeblog.de, ist parteiloser Politik-Interessierter und selbsternannter „Online-Medienschaffender in Vollzeit“. Seit 2007 beschäftigt er sich mit dem Thema rund um S21 und war unter anderem beim Abriss des Nordflügels aktiv dabei.

Und Andreas Bühler, Blogger und Mitbegründer der Facebook-Gruppe „KEIN Stuttgart 21“, die mittlerweile mehr als 100.000 Mitglieder zählt. Er engagiert sich gegen Stuttgart 21 seit einer Unterschriftensammlung für einen Bürgerentscheid 2007. Damit markiert er, wie viele andere, die Verbindung von Offline- und Online-Widerstand.

Was viele nicht wissen: Der Widerstand gegen das Projekt Stuttgart 21 ist schon relativ alt. Seit Mitte der 90er Jahre existiert er, war zunächst aber für kaum einen präsent. Mit dem Startschuss zum Umbau im November 2009 ging der Widerstand dann richtig los und wurde auch von den Medien thematisiert. Durch den 30.09., der für seinen Polizeiaufmarsch mit Wasserwerfern bekannt ist, wurde das Thema Stuttgart 21 schließlich über die Grenzen Stuttgarts hinausgetragen.

Das Besondere an dem Protest gegen Stuttgart 21 ist, dass die neuen Medien, insbesondere die sozialen Netzwerke und Blogs dabei von entscheidender Bedeutung waren und weiterhin sind. So ist der gesamte Stuttgart 21 Protest wahrscheinlich einer der bisher bestdokumenteierten Proteste. „Jeder hat sein Videohandy und hält drauf. Das bringt der Zeitgeist mit sich“, erklärt Thorsten Puttenat. Einmal im Netz angekommen, verbreitet sich so ein Film dann rasend schnell. Die sozialen Medien leisten da etwas, was die üblichen Medienorgane nicht können. Die Öffentlichkeit mobilisieren und demokratisieren. Die sozialen Medien schaffen eine Gegenöffentlichkeit. So kann für einen fairen und unverfälschten Informationsfluss gesorgt und das Vertrauen des Bürgers gewonnen werden. Eine wichtige Basis.

Mehrere wichtige Plattformen haben bei den Protesten gegen Stuttgart 21 eine wichtige Rolle gespielt. Unter anderem Folgende:

Parkschützer

Die Webseite parkschuetzer.de wird von „Leben in Stuttgart e.V.“ betrieben und von einem Redaktionsteam betreut. Auf den Montagsdemos, die zunächst mit 100- 200 Demonstranten stattfanden, wurde für parkschuetzer.de geworben. Bei der Seite handelt es sich um eine Art virtuelle Unterschriften-Liste, die Abstufungen zulässt. Stufe 1 bedeutet, dass man allgemein gegen das Projekt ist. Stufe 2 meint, dass man sich dazu bereit erklärt, in den Schlossgarten zu kommen und bei einer Demo mitzumachen, wenn 10.000 Leute zusammenkommen. Wer sich für Stufe 3 einträgt, möchte informiert werden, wenn die Baumaschinen anrücken, um dann in den Park zu gehen und mit allen legalen Mitteln dagegen zu demonstrieren. Und diejenigen, die die Stufe 4 angeben, erklären sich dazu bereit, sich auch an Bäume zu ketten und den Baumaschinen in den Weg zu stehen. Mithilfe eines Alarmsystems konnte man sich auf seinem Handy informieren lassen, sobald Unterstützung gebraucht wurde. Innerhalb kürzester Zeit wurde die Website immer größer. Zunehmend wurde die Seite zur Diskussionsplattform für Interessierte.

Bei Abriss Aufstand

Ein Blog zum Thema trägt den Titel bei-abriss-aufstand.de. Dieser sollte zunächst als Präsentationsplattform für die Mahnwache dienen, entwickelte sich dann aber zu einer Informationsplattform und wurde durch die Kommentarfunktion zunehmend zur Diskussionsplattform. Nach dem 30. September musste diese jedoch eingeschränkt werden, da sie unter dem großen Andrang zusammenbrach und für die Gründer unkontrollierbar wurde. Mittlerweile sind nur noch moderierte Kommentare erlaubt.

Facebook-Gruppe „Kein Stuttgart 21“

Die Facebook-Gruppe „KEIN Stuttgart 21“ sollte zunächst eine Art Terminkalender für Demos und Veranstaltungen sein und hatte zunächst eine Anhängerschaft von 100-200 Leuten. Mittlerweile liegt die Zahl bei über 100.000 Mitgliedern und wächst weiterhin an.

Fluegel.tv

Der Internetsender fluegel.tv soll für mehr direkte Demokratie und Transparenz sorgen und die Gesellschaft 2.0 unterstützen.

An der Schlichtung war zu spüren, dass die Bürger, nicht zuletzt dank der neuen Medien, durchaus mitreden können, wenn sie wollen. Fluegel.tv sollte, neben dem SWR und Phoenix, die Schlichtung mit Heiner Geissler live übertragen. Wenn es auch nicht unbedingt nötig war, so doch zumindest als symbolischen Akt. Spontan wurde den Initiatoren von Fluegel.tv dann jedoch mitgeteilt, dass sie nun doch nicht dabei sein sollten, was sich sofort auf der Webseite der Parkschützer herumsprach und es innerhalb von wenigen Stunden auf 560 empörte Kommentare brachte. Dies hatte zur Folge, dass fluegel.tv am nächsten Tag wie selbstverständlich zur Live-Übertragung zugelassen wurde.

Cam S21 ist eine Webseite, auf der die Beteiligten mit dem Handy gefilmte Szenen online stellen können und diese im Netz live mit angeschaut werden können.

Verschiedenste Leute beteiligten sich an den Protesten. Alte und Junge, Offliner und Onliner. „Hier steht eine Stadt auf. Es gibt auch Befürworter. Onliner und Offliner, alles kommt zusammen und eine Bürgerbewegung entsteht“, schwärmt Thorsten Puttenat. Jeder kann etwas bewegen. Auf der Basis von Vertrauen, Beziehung und Transparenz kann sich eine lebendige, aktive Bürgergesellschaft 2.0 entwickeln.

Dass die Gegenöffentlichkeit die normalen Medien nicht ersetzen kann, darin sind sich alle einig. Das Demokratielabor Stuttgart könnte den Weg ebnen von einer Protestbewegung zu einer Gestaltungsbewegung. Für eine Gesellschaft, in der die Bürger nicht dagegen, sondern dafür sind.