Bloggen gegen Vorurteile

Ich möchte eine junge Frau vorstellen. Was an ihr als erstes auffällt, ist ihr Kopftuch. Und so ein Kopftuch ist mindestens genauso wirksam, wie ein Stempel auf der Stirn. Verschleiert, verschlossen und von ihrem dominanten Ehemann unterdrückt, ein Opfer der islamischen Kultur. Mit derartigen Vorurteilen wird die Deutsch-Türkin Kübra Gümüsay, geb. Yücel seit ihrem 14ten Lebensjahr konfrontiert, seit dem Zeitpunkt, zu dem sie sich selbst aus freien Stücken für das Kopftuch, aber keineswegs gegen ein modernes, weltoffenes Leben entschieden hat. Ihr Blog „Ein Fremdwörterbuch“ hat sie gegründet, um aufzuräumen mit Vorurteilen und Klischees und um Brücken zu bauen zwischen den verschiedenen Kulturen in der Wirklichkeit, aber auch im Netz.

Auf ihrem Blog schreibt Kübra Gümüsay „über Politik, Gesellschaft, Islam und Medien. außerdem über London, Uni, Filme, Kunst, Musik und Kultur“. Sich selbst beschreibt die 22-Jährige als „praktizierende Muslimin und von Beruf passionierte Fremdwoerterbuchautorin mit leichter Lakritzsucht“. Sie studiert Politikwissenschaft in Hamburg, war vor kurzem ein Jahr lang in London an der School of Oriental and African Studies (SOAS) und lebt nun mit ihrem Mann für ein paar Monate in Kairo, bevor sie dann gemeinsam nach Oxford ziehen werden.

Trotz dieses modernen und fortschrittlichen Lebensstils bekennt sich Kübra Gümüsay als gläubige Muslimin. Sie betet fünfmal am Tag und trägt aus Überzeugung Kopftuch. Dass sie dadurch von anderen Menschen anders behandelt wird und Situationen anders erlebt, als Frauen ohne Kopftuch bestreitet sie nicht. Da ich ihrem Umfeld die Frauen das Kopftuch aber stets selbstbewusst und selbstbestimmt getragen haben, hat sich für Kübra Gümüsay die Frage, ob sich muslimischer Glaube mit einem modernen, natürlichen Leben vereinbaren lässt, nie gestellt. Neben ihrem Studium arbeitet sie als Referentin und freie Journalistin. Zwei Jahre lang war sie Chefredakteurin des Jugendmagazins Freihafen und seit April 2010 schreibt sie jeden zweiten Mittwoch die Kolumne „Das Tuch“ in der taz.

Für viele ist Kübra Gümüsay damit ein Beispiel für gelungene Integration von Türken in Deutschland.

Auf der Republika 2011, der größten Bloggerkonferenz Europas, war sie als Rednerin und beschäftigte sie sich speziell mit der Pluralität der deutschen Blogosphäre. Mit Blogosphäre ist die Gesamtheit aller Blogs und ihrer Verbindungen untereinander gemeint. Die Vielseitigkeit der Blogosphrären ist größer, als so mancher annehmen dürfte und dies macht es nahezu unmöglich, von der Blogosphäre zu sprechen. Tatsächlich sind es viele kleine oder auch große Universen, in denen die verschiedensten Menschen über die unterschiedlichsten Themen bloggen. Was Kübra Gümüsay daran besonders interessiert, ist die Frage, wie es zu Begegnungen und einem Informations- und Interessenaustausch zwischen den verschiedenen Blogosphären kommen kann.

Was sie zum Bloggen motiviert? Sie möchte mit ihrem Blog einen Einblick in das Leben eines muslimischen Mädchens in Deutschland gewähren. „Wir haben viele viele Parallelgesellschaften hier in Deutschland und das ist ein Thema, das mich sehr bewegt und ein Thema, das ich auch hier in der virtuellen Welt ansprechen möchte.“ Ihr Ziel: Missstände benennen und mit Vorurteilen aufräumen. Dazu erscheint es für sie nötig, Austausch zwischen den verschiedenen Gesellschaften, sowohl im wirklichen Leben, als auch in der virtuellen Welt der Blogosphären zu fördern. „Wir leben oft nebeneinander her“, bedauert Kübra Gümüsay. „Die sozialen Medien geben uns die Chance, unsere Identität auszudrücken und miteinander zu teilen. Der Einzelne sieht, dass er mit seinen Erfahrungen nicht allein ist. Und wird zur Stimme.“ Jetzt ist Ein Fremdwörterbuch für den Grimme Online Award 2011 nominiert.

Anfangs war das Feedback ihrem Blog und ihren Kolumnen gegenüber eher negativ. Um die teilweise beleidigenden Kommentare von Rechtsradikalen zu verhindern, hat Kübra Gümüsay die Kommentarfunktion ihres Blogs eingeschränkt, andernfalls käme sie mit dem Löschen nicht hinterher, meint sie. Vom Bloggen abhalten lässt sie sich durch sowas jedoch nicht, im Gegenteil. „Dass sich viele Menschen darüber aufregen, heißt doch nur, dass wir über wichtige Themen schreiben!“

Mittlerweile bekommt sie aber gerade von Seiten der muslimischen Gesellschaft vermehrt positive Rückmeldung, was Kübra Gümüsay stolz macht. Sie ist sich bewusst, dass sie als Autorin eine Vorbildfunktion für viele junge Musliminnen einnimmt. Sie möchte „nicht bemitleidet werden oder gar in die ach so beliebte Opferrolle. Ich schreibe dies, weil ich das Gegenteil will: als freies, selbstständiges und mündiges Individuum wahrgenommen werden. Doch genau das wird kopftuchtragenden Musliminnen verwehrt.“ Das Internet bringt da neue Freiheiten.

Dass sie als „Nischenbloggerin“ bezeichnet wird kommentiert Kübra Gümüsay mit ihrem ironischen Lächeln. „Es wäre schön, wenn es hier mehr muslimische Blogger gäbe“, bedauert sie, aber sie hat die Hoffnung, durch ihren Blog anderen Muslimen, aber auch allen anderen Menschen zu zeigen, was sie für Möglichkeiten haben und den Ein oder Anderen zu ermutigen, diese zu nutzen, so wie sie es tut.

 

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