Freundschaft in Zeiten von Facebook

Zeig mir deine Freunde und ich sag dir, wer du bist. Das Konzept an sich ist alt. Facebook setzt nur noch eins drauf und verleiht dem Ganzen eine neue Dimension.

In der Grundschule fing es mit den Freunde-Büchern an. Alle Freunde konnten sich darin steckbriefartig verewigen. Je mehr Freunde man in sein Buch stehen hatte, desto beliebter, begehrter und selbstbewusster war man. Freunde wie Trophäen zu sammeln ist also nichts Neues, aber nach wie vor voll in Mode. Facebook ist das Freunde-Buch von heute. Vom Prinzip genau das Gleiche, aber digitalisiert und die Dimensionen von damals sprengend.

Alle sind „Freunde“

Eine typische Facebook-Freunde-Liste umfasst in der Regel Freunde im dreistelligen Bereich und ist ein heterogener Mix aus allen möglichen verschiedenen Menschen, die einem irgendwie und irgendwo im Laufe des Lebens einmal begegnet sind. In Zeiten von Facebook, studiVZ & Co. sind alle Menschen „Freunde“. Die Arbeitskollegen, die Nachbarn, der Mitschüler aus der Theater-AG aus der dritten Klasse und die Facebook-Freunde von Facebook-Freunden. Sie alle hätte man ohne Soziale Netzwerke im Internet vielleicht allenfalls als flüchtige oder alte Bekannte bezeichnet. Heute ist da mehr. Bleibt die Frage, ob die Beziehungen durch soziale Netzwerke tatsächlich enger und besser geworden sind, sodass sie als Freundschaften bezeichnet werden können, oder ob der Freundschaftsbegriff schlichtweg an Qualität verloren hat?!

Sicher ist: Facebook bietet die Möglichkeit, pausenlos Informationen von sich preiszugeben, ob es die anderen nun wissen wollen, oder nicht, was unter anderem Debatten über den Aspekt der Privatsphäre ausgelöst hat. Damit sind die Facebook-Freunde für jeden Einzelnen immer auch eine Art Publikum und damit ideal für Zwecke der Selbstdarstellung geeignet. Sie führen sich gegenseitig Statusmeldungen, Fotos oder Videos vor und warten auf ein Echo. „Urlaub!“ Allein das als Statusmeldung reicht meist schon für eine Reihe von Kommentaren aus, wie: „Ohh, du Glückliche!“, „Hab viel Spaß!“, und „Wohin geht’s denn?“ Genauso bei Problemen. Sollte man solche posten, kann man sicher sein, von guten Ratschlägen überhäuft zu werden. Wirkliche Gespräche werden überflüssig, wenn man alle Neuigkeiten immer gleich auf seiner Pinnwand postet und damit jeglichen Gesprächsstoff verpulvert.

Facebook definiert „Freundschaft“ neu

Aber wie viele Facebook-Freundschaften kann ein Mensch überhaupt pflegen? Kann ein Einzelner wirklich mit 200 Leuten befreundet sein? Auf Facebook geht das jedenfalls. Offensichtlich definiert Facebook den Begriff „Freundschaft“ neu. Um auf Facebook als Freund bezeichnet zu werden, wird nicht vorausgesetzt, dass man sich wirklich gut kennt oder sich gar schon einmal im wahren Leben begegnet ist. Das Geflecht aus Freunden scheint eher oberflächlicher Natur zu sein. Das Prinzip lautet also eher viele verschiedene lockere Beziehungen, als ein paar wenige feste. Unverbindlichkeit ist die Eigenschaft von Social Networks. Es ist deutlich leichter, Kontakte einzugehen, aber auch abzulehnen oder Verantwortung zu übernehmen. Und ob man auf Nachrichten und ähnliches reagiert oder nicht, bleibt einem selbst überlassen. Das hat sicher auch seine Vorteile. Trotzdem geht der einst wertvollen Beziehung namens Freundschaft damit etwas verloren. Im Gefüge der Beziehungen hat sich scheinbar etwas verschoben. Vielleicht ist es Facebook selbst, das uns unter so vielen oberflächlichen Freundschaften den besten Freund ersetzt. Immerhin kann man dort Spiele spielen, Fragen zum eigenen Charakter beantwortet kriegen und Ratschläge bekommen, wie man sich am besten verhalten soll, oder was man jetzt am besten gebrauchen könnte. Fast wie bei einem realen besten Freund könnte man meinen.

Facebook als Ergänzung

Aber Facebook kann auch anders. Es soll ja auch noch Freundschaften geben, die das Internet nicht zwingend brauchen, sondern auch oder hauptsächlich draußen, in der Facebook-freien Zone stattfinden. In solchen Fällen ist Facebook eine Ergänzung, eine praktische Gelegenheit, um in Kontakt zu bleiben, auch wenn man sich einmal nicht persönlich treffen kann. Oder die Netzwerkkommunikation wird genutzt, um sich auch mit mehreren Leuten für ein reales Treffen zu verabreden. Hier gilt der althergebrachte Freundschaftsbegriff weiterhin, nur angepasst an ein neues Zeitalter. Wer wissen möchte zu welchem Typ Facebook-Nutzer er gehört, kann dies in der Galerie der Facebook-Typen
herausfinden.

In einer Zeit, in der es noch kein Internet gab sagte der deutsche Schriftsteller Kurt Tucholsky: „Freundschaft, das ist wie Heimat.“ Trotzdem scheint der Spruch noch heute Gültigkeit zu haben. Denn wenn die Heimat der Generation der „Digital Natives“ das Internet ist, dann scheint es gar nicht mehr so abwegig, dass auch ihre Freundschaften im Internet stattfinden.

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