“21th Century Minimalism”: Zwischen materiellem Verzicht und digitalem Reichtum

Dass man im Internet einkaufen gehen kann, wie in einem globalen Einkaufszentrum, ist bekannt. Ob Neues von Online-Shops sämtlicher Marken, oder Gebrauchtes von Privatleuten über virtuelle Flohmärkte und Auktionen wie ebay. Alles relativ unkompliziert und schnell. Eine Bereicherung für den Besitztümer anhäufenden Konsumenten, nicht aber für die sogenannten Tech-Nomaden. Diese sehen Habseligkeiten als Einschränkung ihrer Freiheit und bilden damit quasi die Gegenbewegung zum aktuellen Konsumrausch. „Cult of less“ nennt sich der Trend zum Verzicht und folgt dem Motto: „Verzichte und blogge darüber“.

Einer der Vorreiter des Verzicht-Kults ist der 23-jährige amerikanische Programmierer Kelly Sutton, der sich 2010 von so gut wie all seinen Habseligkeiten getrennt hat. Er verkaufte sie über seinen Blog „Cult of less“ und entschied sich damit ganz bewusst für diesen nahezu eigentumsfreien Lebensstil. Heute besitzt er nur noch das für ihn Nötigste: ein paar Klamotten, einen Laptop, einen Kindle und ein Ipad inklusive Zubehör.  Er gehört zu den „21th Century minimalists“.

Eine digitale Form des Minimalismus

Diese aktuelle Form des Minimalismus unterscheidet sich von herkömmlichem Minimalismus durch den digitalen Aspekt. Neuste Technologien haben so manches geändert. So braucht man dank MP3s theoretisch weder Platten oder Kassetten, noch CDs, geschweige denn entsprechende Abspielgeräte. Dank E-Books sind auch Bücher beziehungsweise Bücherregale nicht mehr von absoluter Notwendigkeit, wenn man Lust auf Lektüre hat. Auch Fotoalben stauben in digitaler Form viel weniger ein und wer braucht schon noch Notizenbücher oder Kalender, wenn es jeweils platz-sparende digitale Varianten gibt? Die sogenannten Tech-Nomaden jedenfalls nicht. Sie verzichten sogar auf einen festen Wohnsitz, reisen bevorzugt umher und arbeiten von unterwegs. Der Minimalismus trifft also nur auf der materiellen Ebene zu. Was die „21th Century minimalists“ da einsparen, verlagert sich in die digitale Welt.

Tipps zum Leben mit 100 oder weniger Dingen

Aber Kelly Sutton ist lange nicht der Einzige. Es finden sich nach und nach weltweit immer mehr Leute mit derselben Gesinnung und entsprechenden Blogs. Zum Beispiel der Blogger Tucker Cummings, der Interessierten auf seinem Blog Tipps gibt, um ein Leben mit 100 oder weniger Dingen zu realisieren:

1. Mach eine Bestandsaufnahme aller Dinge, die du besitzt.

2. Behalte nur multifunktionale Geräte.

3. Lebe nicht zu spartanisch.

4. Dinge, die man die letzten 12 Monate nicht gebraucht hat, können weg.

5. Miste nach drei Monaten erneut aus.

6. Überprüfe, was du für deine Arbeit tatsächlich brauchst, und was nicht.

Aber wozu das Ganze? Ziel des „Cult of less“ist es, Stress zu reduzieren, den Fokus auf Entscheidendes zu legen und möglichst mobil zu sein. Auch Konsumkritik spielt gelegentlich eine Rolle. Anhänger des Verzichtkultes empfinden es als Stress, Dinge zu besitzen und dadurch gebunden zu sein und versprechen sich von ihrer Art zu leben Freiheit und glücklich zu sein. Die Bloggerin des Blogs “Minimal Student” beschreibt das so: “what really makes me happy is freedom. And the key to freedom is minimalism because minimalism reduces our attachment to things.”

Mut, sich von Materiellem zu verabschieden

Dass dieser Lebensstil nichts für Jedermann ist, liegt auf der Hand. Nicht jeder kann auf Dauer ohne persönliche Dinge und Andenken leben, nicht jeder fühlt sich in sterilen Räumen ohne individuelle Einrichtung zu Hause und nicht jeder hat eine Arbeit, die ihm das nötige Maß an Flexibilität ermöglicht. Auch für Familien mit Kindern dürfte jener Trend weniger infrage kommen. Geeigneter scheint ein solches Leben schon eher für unabhängige Einzelpersonen.

In jedem Fall gehört eine Portion Mut dazu, sich von Dingen zu trennen, die sich nicht selten über das ganze Leben hinweg angesammelt haben. Oftmals verbinden einen ja auch Erinnerungen und Gefühle mit gewissen Gegenständen. Und auch die Unsicherheit, ob man es einmal bereuen wird, dass man diesen oder jenen Gegenstand nicht aufbewahrt hat, oder ihn vielleicht sogar einmal wieder gebrauchen kann, muss man überwinden, um zum digitalen Vagabunden werden zu können. In gewisser Weise nachvollziehbar scheint es aber doch, dass es gut tun kann, so manchen alten materiellen Ballast loszuwerden und danach einen weniger vollen Speicher zu haben.

Einen nicht ganz so radikalen und damit leichter umsetzbareren Weg, sich von unnützem Krempel zu trennen, verfolgt die Berner Bloggerin Karin Friedli. Ihr Plan lautet, sich ein Jahr lang von einem Gegenstand ihres Hab und Guts zu verabschieden und das Ganze auf ihrem Blog zu dokumentieren. Das kann auch dabei helfen, ein Bewusstsein für den eigenen Konsum zu entwickeln und erst gar nicht in Versuchung zu kommen, unnützes Zeug anzuschaffen, das ohnehin nie einem anderen Zweck, als dem Einstauben dienen wird. Eine Überlegung dürfte es jedenfalls wert sein, seinen ebay-Account nicht immer nur zum erwerben, sondern auch mal zum loswerden des angehäuften Krempels zu nutzen.

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Eine Antwort to ““21th Century Minimalism”: Zwischen materiellem Verzicht und digitalem Reichtum”

  1. OM Says:

    Ich glaube das wichtigste ist sich immer zu Fragen ob man etwas wirklich braucht. Aber ob die digitalen möglichkeiten das verbessert wage ich zu bezweifeln.

    Erin Doland (Unclutterer) meint das digitale Daten kein “clutter”, sprich Unrat/unnötiges darstellen. Allerdings habe ich schon vor einer Weile von einer Sucht gehoert bei der die Leute ihre Festplatten bis oben hin “vollmuellen” ohne jemals auf die Dateien (wie Videos, Musik oder Bilder) zuzugreifen.

    Was mir in der Liste fehlt und fuer “Anfänger” wohl hilfreich ist: Nicht gleich alles entsorgen sondern erstmal in einer Kiste im Keller verstecken mit Datum drauf deponieren. Was einem da nicht gefehlt hat oder wenn man nicht weiss was drin ist: weg mit.

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